Was Dein Arzt nicht über ein Training mit Gewichten weiß

  • Was Dein Arzt nicht über ein Training mit Gewichten weiß

Sir William Osler, der Begründer der modernen Medizin hat einmal angemerkt “Je größer die Ignoranz, desto größer der Dogmatismus.“

Es ist irgendwie ironisch, dass die moderne Medizin so ignorant – und so dogmatisch – ist, wenn es um Training und Ernährung geht. Es ist nicht schwer zu erkennen, wo dies herkommt. Stolz. Sogar Anmaßung.

Die Medizin ist eines der anspruchsvollsten wissenschaftlichen Fachgebiete. Nach 8 Jahren Studium lege ich meinen hippokratischen Eid innerhalb weniger Wochen ab. Und dann habe ich immer noch 6 Jahre als Assistenzarzt vor mir. Bei einigen meiner Studienkollegen hat das sogar noch länger gedauert. Das ist eine Menge Zeit, eine Menge Lernerei und eine Menge Anstrengung. Und die Verantwortung? Wir treffen jeden Tag Entscheidungen, die über Leben und Tod entscheiden können. Jedes Mal, wenn wir einen Patienten untersuchen, dann haben wir die Chance ein Zeichen oder ein Symptom einer Krankheit zu sehen – oder zu übersehen – die unseren Patienten das Leben kosten könnte oder seine Gesundheit irreparabel schädigen könnte. Wir gehören zu den Besten und Intelligentesten, den am besten Ausgebildeten und den einflussreichsten Menschen der Welt. Es ist schwer, Dir das nicht zu Kopf steigen zu lassen. Bei der Medizin dreht sich letztendlich alles um Autorität und Wissen. Wir wissen mehr über den menschlichen Körper, was Gesundheit und Krankheit angeht und tragen mehr Verantwortung für ihn, als jeder andere.

Vergleiche dies mit der Wissenschaft, bei der es letztendlich um Ignoranz geht. Die Wissenschaft bewegt sich nach vorne, wenn wir einen Blick auf das werfen, was wir nicht wissen und versuchen, dies herauszufinden.

Es ist nicht notwendig zu erwähnen, dass das Finden von Ignoranz eine der wichtigsten Lektionen ist, die ein Wissenschaftler lernen kann. Man könnte in der Tat sagen, dass dies die einzige Aufgabe eines Wissenschaftlers ist. Ärzte lernen eine Menge darüber, was die Wissenschaft über den menschlichen Körper herausgefunden hat. Aber sie sind nicht darauf trainiert, Wissenschaftler zu sein, oder wie diese zu denken. Ein Arzt weiß, was er weiß und das ist auch schon alles.

Ärzte haben eine Menge Meinungen zu Ernährung und Training. Ein Training mit Gewichten ist nicht gesund. Ein Training mit Gewichten schädigt Dein Herz. Du wirst Deine Gelenke ruinieren. Kniebeugen sind schlecht für die Knie. Kreuzheben ist schlecht für den Rücken. Du solltest nur mit leichten Gewichten und hohen Wiederholungszahlen trainieren. Du bist zu schwer und wirst an einem Herzinfarkt oder Diabetes sterben, wenn Du kein Gewicht verlierst. Du zerstörst Deine Nieren mit all dem ProteinKreatin ist schlecht für Dich. Das einzige Training, das Du brauchst, ist Cardiotraining. Ich könnte noch tagelang weitermachen. Die meisten von uns haben es schon gehört. Und viele von uns geben nicht viel auf solche Aussagen. Einigen von uns tun es und verändern die Art und Weise, auf die sie trainieren. Und nahezu alle von uns fragen sich, wie wahr diese Aussagen wirklich sind und ob wir unsere Körper bei unserem Streben nach Kraft und körperlicher Perfektion zerstören. Die echte Frage ist jedoch, wie viel Aufmerksamkeit sollten wir diesen Experten schenken?

Wie ich bereits gesagt habe, ist die medizinische Ausbildung extrem intensiv und extrem weit gefächert. Sie muss es sein. Doch es gibt auch eine Menge, das von dieser Ausbildung nicht abgedeckt wird. Wir lernen die Molekularstruktur einer jeden Aminosäure (und die meisten von uns vergessen alles hierüber nach der Biochemieprüfung wieder). Wir lernen die Gleichungen für Herz-Kreislauf Physiologie. Wir lernen die Verzweigungen eines jeden Nervs und den Ursprung, sowie den Ansatzpunkt eines jeden Muskels im menschlichen Körper kennen. Aber wir lernen nicht einmal die Grundlagen über eine gesunde Ernährung. Wir lernen nichts über die Adaptionen von Herz-Kreislauf System und Muskelsystem in Reaktion auf Training. Wir lernen nichts darüber, wie Insulin die Verwendung von Protein und Kreatin fördert. Wir lernen nicht einmal, was all die Muskeln im menschlichen Körper wirklich tun. Wir lernen nichts über den Unterschied zwischen myofibrillarer und sarkoplasmischer Hypertrophie – oder die Trainingswirkung von hohen Wiederholungszahlen im Vergleich zu niedrigen Wiederholungszahlen. Verdammt, die meisten Ärzte sind sich nicht einmal des Konzepts von hochintensivem Intervalltraining bewusst – ganz zu schweigen von der Tatsache, um wie viel dieses effektiver als Cardiotraining mit gleichbleibender Intensität ist.

Und trotzdem denken Ärzte, dass Ihre Meinung über richtige Ernährung und Training tatsächlich eine Rolle spielen. Ich weiß ehrlich nicht, ob ich hierüber lachen oder weinen soll. All diese Jahre der Ausbildung und alles, was ich über Training und Ernährung weiß, musste ich mir selbst beibringen. Und die meisten meiner Kollegen verstehen nicht einmal, warum ich eine so große Sache daraus mache. Man kann all dies nicht anders als armselig bezeichnen. In diesem Artikel möchte ich mich mit einigen dieser Themen beschäftigen, bei denen Ärzte völlig falsch liegen – manchmal aufgrund der Ignoranz, was Trainingsphysiologie und Ernährung angeht und manchmal, weil sie die Grenzen ihres eigenen Wissens nicht kennen.

Das Folgende sind nur einige Beispiele von Dingen, bei denen Ärzten bei Kraftsportlern falsch liegen:

Körperkomposition

Wenn man nach dem BMI geht, sind die meisten ernsthaften Kraftsportler übergewichtig oder sogar fettleibig. Es gibt da draußen eine Menge dramatische Studien über die Gesundheitsrisiken, die von einem zu hohen Gewicht ausgehen und die von Herzkrankheiten über Schlaganfall und Krebs bis hin zu Demenz reichen. Ich glaube nicht, dass dies ein Punkt ist, bei dem viel Unklarheit herrscht. Fett zu sein ist schlecht für Dich. Die wahre Frage ist, ob der BMI ein brauchbares Werkzeug ist, um abzuschätzen, wie fett Du bist. Es scheint so, als ob jedes Mal, wenn ich zum Arzt gehe, dieser (oder seine Sprechstundenhilfe) meinen BMI von 29 erwähnen und mir nahelegt, Gewicht zu verlieren.

Nun, um ehrlich zu sein, ist es eine Zeitlang her, dass ich die untere Reihe meines Sixpacks zuletzt gesehen habe und meine Speckröllchen haben eigene Namen, aber wenn ich nicht über so gut ausgeprägte Gesäßmuskeln verfügen würde, würde meine Jeans mit Bundweite 32 ohne Gürtel ungehindert nach unten rutschen. Ich bin mir recht sicher, dass meine „beginnende Fettsucht“ mehr mit der Tatsache zu tun hat, dass ich kaum in mein Jackett Größe 56 passe, als mit einen gefährlich hohen Körperfettanteil.

Wenn ein muskulöser Mensch dieses Thema aufbringt, dann antworten Ärzte häufig etwas in der Art wie „Okay, dieses System funktioniert bei Menschen mit vielen Muskeln nicht, aber es funktioniert bei der Durchschnittsbevölkerung gut.“

Tut es das? Tut es das wirklich?? Ich habe da meine Zweifel. Letztendlich basiert der BMI ausschließlich auf Körpergröße und Gewicht und ignoriert alles andere wie Knochenstruktur und fettfreie Körpermasse, was selbst innerhalb der so genannten „normalen“ Durchschnittsbevölkerung stark variieren kann.

Einige Wissenschaftler an der Mayo Klinik hatten ihre eigenen Zweifel – und das mit gutem Grund, wie sich herausstellte (1). Als sie die diagnostische Aussagekraft des BMI unter Verwendung des Referenzstandards der WHO für Fettleibigkeit für Männer (25% Körperfett) und Frauen (35% Körperfett) verwendeten, fanden sie heraus, dass nur 36% aller fettleibigen Männer einen BMI von über 30 hatten. Die Mehrzahl der Menschen, die ungesunde Fettmengen mit sich herumtrugen, wies einen normalen BMI oder einen BMI im Bereich von „übergewichtig, aber nicht fettleibig“ auf. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, stellte sich heraus, dass bei den Menschen mit einem BMI von unter 30, dieser besser mit der fettfreien Körpermasse als mit dem Körperfettanteil korreliert. Eine Studie einer anderen Forschergruppe aus Kanada kam zu ähnlichen Resultaten (2). Somit funktioniert die Verwendung des BMI auch bei der „normalen“ Population nicht wirklich gut. Als ob nicht zu schaffen, zwei Drittel der Menschen zu identifizieren, die Gewicht verlieren müssen, nicht bereits schlimm genug wäre, bedeutet dies auch, dass Jahrzehnte der Populationsstudien bezüglich der Gesundheitsrisiken von Fettsucht zum größten Teil invalide sind.

Die meisten Menschen mit einem BMI von über 30 sind in der Tat fettleibig. Aber fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung mit einem BMI von unter 30 ist auch fettleibig. Dies bedeutet, dass die meisten dieser Studien die Gesundheitsrisiken einer Fettsucht drastisch unterschätzen. Dies ist für uns im Bereich des MMA, leichteren Gewichtsklassen oder Sportlern der Figurklasse nicht von Bedeutung. Aber für all die Bodybuilder und Strongmen da draußen, die eine nennenswerte Menge an Fettgewebe mit sich herumtragen, bedeutet dies, dass diese zusätzlichen Kilos gefährlicher sind, als Dein Arzt denken würde.

Als letztes möchte ich auf die fettfreie Körpermasse eingehen. Eine Menge Studien haben herausgefunden, was viele Ärzte als „paradoxen“ Effekt ansehen. Dieser besagt, dass Menschen mit einem BMI im Bereich des Übergewichts (25 bis 29,9) dazu neigen, länger zu leben, weniger Herzkrankheiten zu bekommen, eine bessere Chance aufweisen, Krebs zu überleben und unter weniger Einschränkungen leiden.

Studien, die den BMI mit Körperfett und fettfreier Körpermasse verglichen haben, kamen zu dem Ergebnis, dass Menschen im Bereich des Übergewichts (aber unterhalb des Bereichs der Fettsucht) nicht notwendigerweise fetter als Menschen in so genannten „normalen“ Bereich waren, sondern dass die zusätzliche Körpermasse eher aus fettfreiem Körpergewebe bestand. Im Gegensatz zu dem, was Dein Arzt Dir vielleicht über all die zusätzliche Muskelmasse sagen wird, die Du mit Dir herumträgst, tut Dein Training mit Gewichten wahrscheinlich mehr für Dich als all das Laufen für einem Marathonläufer tut.

Aber das bedeutet nicht, dass eine größere Menge an fettfreier Körpermasse nicht auch ihre Nachteile hat. Verletzungen treten dann auf, wenn Du Dich im Fitnessstudio hart und bis an die Grenzen antreibst. Diese zusätzliche Körpermasse und die schweren Gewichte belasten Deine Gelenke stärker, auch wenn dies dadurch wieder ausgeglichen wird, dass Deine Muskeln mehr der Last und Dein Bindegewebe weniger dieser Last tragen. Je mehr Gewicht Du mit Dir herumträgst, desto härter muss auch Dein Herz arbeiten.

Mehr Muskeln bedeuten einen schnelleren Stoffwechsel und somit ein geringeres Risiko für Demenz, Diabetes und Herzkrankheiten. Aber er bedeutet auch mehr freie Radikale und potentiell mehr Entzündungen, was mehr Stress für Dein endokrines System, Dein Herz-Kreislauf System und Dein Gehirn, sowie möglicherweise eine höhere Krebsrate zur Folge hat. Gibt es also so etwas wie einen Punkt der abnehmenden Erträge? Gibt es einen Punkt, an dem Du zu viel Muskelmasse hast? Vielleicht. Da populationsbasierte Langzeituntersuchungen jedoch immer nur den BMI verwendet haben, wissen wir dies nicht.

Der BMI ist nicht mehr zeitgerecht und erfüllt auch seinen Zweck nicht wirklich – und das nicht nur bei muskulösen Menschen, sondern bei jedem. Du würdest niemanden Kreuzheben mit durchgedrückten Knien und rundem Rücken ausführen lassen und genauso wenig solltest Du Menschen ihren eigenen Gesundheitsstatus und ihre Gewichtsabbauziele basierend auf dem BMI bestimmen lassen. Sag diesen Menschen, dass sie stattdessen eine Körperfettwaage verwenden oder eine Hautfaltenmessung oder einen DEXA Scan ausführen lassen sollen. Etwas so tief Verwurzeltes und so Heimtückisches muss auf jeder Ebene von jeder Person, die es besser weiß, attackiert werden. Verbreite diese Nachricht.

Hoher Blutdruck

Hoher Blutdruck gehört zu den am weitesten verbreiteten chronischen Krankheiten. Und auch wenn es keine Symptome gibt, kann ein zu hoher Blutdruck verheerende Auswirkungen auf Deine Nieren, Dein Gehirn und Dein Herz besitzen (3). Dies ist auch der Grund dafür, dass hoher Blutdruck als so heimtückisch angesehen wird – und auch ein Grund dafür, dass Ärzte unabhängig vom Grund Deines Besuches fast immer den Blutdruck kontrollieren.

Die Zeit, die Ressourcen und die Intensität, mit denen die medizinische Gemeinschaft das Problem des Bluthochdrucks attackiert, ist völlig berechtigt, aber genau wie beim BMI ist unsere Methode für die Messung des Blutdrucks weniger als perfekt (wenn auch um Welten besser). Wenn Du wirklich unter hohem Blutdruck leidest, dann ist es sehr wichtig, dass dieser behandelt wird. Aber was, wenn nicht? Egal ob es die Unannehmlichkeiten, die Kosten oder die Nebenwirkungen sind – niemand möchte Pillen schlucken, wenn dies nicht notwendig ist. Mehr pragmatische Bedenken haben mit privaten Krankenversicherungen zu tun, bei denen bei Vertragsabschluss bestehende diagnostizierte Gesundheitsbeschwerden die Beiträge stark nach oben treiben, oder sogar eine Ablehnung zur Folge haben können. Das letzte, was man in diesem Bereich möchte ist, dass Dich die Diagnose „Bluthochdruck“ in Deiner Krankenakte für alle Zeiten verfolgt.

Doch zurück zur Messung des Blutdrucks. Der einzige akkurate Weg, den Blutdruck zu messen, besteht darin, einen Katheder mit einem Druckmesser an der Spitze durch eine Arterie in Deine Aorta zu schieben. Nicht besonders praktisch – und auch nicht besonders lustig. Dies ist der Grund dafür, dass Ärzte eine Blutdruckmanschette verwenden.

Bei wirklich schwer kranken Menschen wird der Blutdruck jedoch auch häufig mit Hilfe eines Katheters gemessen. Meiner begrenzten Erfahrung als junger Arzt zufolge stimmen die Werte der Messung mit einer Armmanschette mit den direkten Messungen des intraarteriellen Blutdrucks überein. Aber dies ist nicht immer der Fall.

Die Manschette selbst ist eine mögliche Fehlerquelle. Eine zu kleine Manschette wird zu hohe Werte messen. Eine Standardmanschette ist für einen Oberarmumfang zwischen 36 und 38 Zentimetern geeignet. Aber die meisten Menschen, bei denen wir Ärzte größere Manschetten verwenden, sind in der Regel recht stark übergewichtig bis fettleibig.

Es kommt vielen Ärzten oft nicht in den Sinn, dass ein schlanker Arm ganz einfach zu groß für eine Standardmanschette sein könnte. Selbst wenn man es ihnen zuvor sagt, dass die Standardmanschette zu klein ist, bestehen sie häufig darauf, zuerst diese auszuprobieren. Bei mir versagt diese Manschette in der Regel entweder vollständig, wenn es darum geht, einen Wert zu messen oder zeigt einen so absurden Blutdruck an, dass der Arzt aufgibt und eine größere Manschette verwendet. Bei vielen, bei denen eine solche Manschette jedoch nur geringfügig zu klein ist, wird diese Manschette Werte liefern, die man bei einer Person mit zu hohem Blutdruck erwarten würde. Es handelt sich hierbei um einen falschen positiven Befund. Wenn ich an Deiner Stelle wäre, dann würde ich den Arzt darum bitten, eine Messung mit der größeren Manschette durchzuführen, falls die Standardmanschette einen hohen Wert liefert.

Das zweite Problem hängt mit der Tatsache zusammen, dass Du Muskeln und Fett hast, die diese Arterie umgeben, weshalb der von der Manschette gemessene Wert ein Resultat davon ist, wie der Druck von der Arterie durch Fett und Muskeln übertragen wird. Fett, dass sehr gut komprimierbar ist, kann wie ein Schwamm oder ein Stoßdämpfer agieren und zu fälschlicherweise zu niedrigen Messwerten führen. Ich hatte einmal einen Patienten, der so extrem fettleibig war, dass niemand in der Praxis dazu in der Lage war, eine brauchbare Blutdruckmessung am Oberarm durchzuführen. Wir mussten schließlich den Unterarm verwenden. Muskeln sind hingegen sehr straff und können zu höheren Werten als erwartet führen.

Dies ist als 'spurious Systolic Hypertension' (SSH, auf Deutsch “unechter hoher systolischer Blutdruck”) bekannt (4). Bei den meisten Menschen mit hohem Blutdruck sind sowohl der obere (systolische), als auch der untere (diastolische) Wert erhöht (systolisch >140 and diastolisch >90). Einige Menschen leiden unter dem, was als „isolierter systolischer Bluthochdruck“ (ISH) bezeichnet wird. Bei diesen Menschen ist nur der obere Wert erhöht. Dies beobachtet man am häufigsten bei älteren Menschen und wir Ärzte glauben, dass dies damit zusammenhängt, dass die Arterien dieser Menschen aufgrund von Kalziumablagerungen an den Wänden der Arterien nicht mehr so elastisch wie bei jüngeren Menschen sind.

Menschen, die unter einem “unechten hohen systolischen Blutdruck” leiden, neigen dazu, jünger zu sein und keine größeren Risikofaktoren für Gesundheitsprobleme (Fettleibigkeit, Rauchen, hohe Cholesterinspiegel) aufzuweisen - mit anderen Worten ausgedrückt nicht die Menschen, bei denen man einen „isolierten systolischen Bluthochdruck“ normalerweise beobachten würde. Sie neigen dazu, sich von Menschen mit einem Blutdruck im Normalbereich desselben Alters nur dadurch zu unterscheiden, dass sie einen höheren BMI aufweisen und mit größerer Wahrscheinlichkeit Sport treiben (5). “Unechter hoher systolischer Blutdruck” hat mit größter Wahrscheinlichkeit nichts mit dem Blutdruck zu tun, sondern lediglich mit der Anatomie der Muskulatur des Armes der betroffenen Person.

Wenn bei Dir also ein zu hoher Blutdruck festgestellt wird, solltest Du als erstes die Größe der Manschette überprüfen und Dir dann den diastolischen Wert ansehen. Wenn dieser bei unter 90 liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um einen Fall von “unechtem hohem systolischem Blutdruck” handelt und dass Du keine Medikation benötigst.

Nierenfunktion

Es ist ein unter Ärzten weit verbreitetes Dogma, dass eine proteinreiche Ernährung schlecht für Deine Nieren ist. Da dieses Thema bereits in zahlreichen anderen Artikeln ausgiebig diskutiert wurde, möchte ich an dieser Stelle nicht zu tief ins Detail gehen. Das Fazit ist, dass eine hohe Proteinzufuhr schlecht für die Nieren sein könnte, oder auch nicht. Wir haben einfach keine wissenschaftlichen Hinweise, die auf das eine oder das andere hindeuten. Dies bedeutet allerdings auch, dass Dein Arzt keine wissenschaftliche Grundlage hat, wenn er Dir sagt, dass Du Deine Nieren kaputt machst. Die Vorstellung, dass Protein schädlich ist, rührt von Studien her, die mit Menschen durchgeführt wurden, die unter Nierenschäden litten – Menschen, die entweder unter einer chronischen Niereninsuffizienz oder unter chronischem Nierenversagen litten. Bei diesen Menschen besteht kein Zweifel – je höher die Proteinzufuhr ausfällt, desto schneller verschlechtert sich das Krankheitsbild ihrer Erkrankungen der Nieren.

Dies macht Sinn, wenn man darüber nachdenkt. Dies sind Menschen, deren Nieren nicht einmal mit den grundlegenden Anforderungen zurecht kommen, die ihr Körper an sie stellt. Eine Erhöhung der Anforderungen an die Nieren über diesen grundlegenden Status hinaus kann unmöglich gut sein. Aber können wir diese Beobachtungen auf Menschen mit normalen und gesunden Nieren übertragen? Es gibt keinen Grund dafür zu denken, dass wir dies können und eine Menge Gründe dafür zu denken, dass wir es nicht können.

Bei den Nieren handelt es sich um erstaunlich robuste Organe mit einer Menge an Überkapazitäten. Du musst in der Tat etwa 75% der Funktionseinheiten (Nephrone) in Deinen Nieren verlieren, bevor bei einem Nierenfunktionstest Veränderungen sichtbar werden. Und das berücksichtigt noch nicht einmal die Tatsache, dass die Nieren ihre Filtrationsrate bei gesunden Erwachsenen im Vergleich zum Ruhezustand dramatisch steigern können. Eine analoge Situation kann beim Herzen beobachtet werden. Bei einem gesunden Erwachsenen ist HIIT oder jede Art von Cardiotraining gut für das Herz. Aber nimm einen Menschen, der unter einer Herzinsuffizienz oder ernsthaften Erkrankungen der Koronararterien leidet. Für eine solche Person ist es wahrscheinlich keine gute Idee, mit Sprints die Treppe herauf zu beginnen. Das ich auch der Grund dafür, dass sich auf allen Medikamenten gegen erektile Dysfunktion Warnungen befinden, die darauf hinweisen, dass der Verwender seinen Arzt fragen sollte, ob es sicher für ihn ist, Sex zu haben. Wenn Du ein bereits geschwächtes Herz nimmst und es belastest, können schlimme Dinge geschehen. Aber sieht man deshalb Ärzte, die gesunden Menschen empfehlen auf sportliches Training zu verzichten?

Unsere nächsten Bedenken bezüglich der Nieren sind die Bluttests, die Ärzte durchführen, um zu bestimmen, wie gut die Nieren funktionieren. Es gibt zwei Werte, an denen wir besonders interessiert sind: Der Blut-Harnstoff-Stickstoff Wert (BUN) und der Kreatininwert im Blut (Cr). Blut-Harnstoff-Stickstoff (BUN) ist ein Abfallprodukt des Proteinstoffwechsels. Kreatinin ist ein Abbauprodukt von Kreatinphosphat, welches sich in Deinen Muskeln, Deinem Herz und Deinem Gehirn wiederfindet. Ärzte untersuchen diese Werte für Gewöhnlich mit Hilfe eines einfachen Bluttests, der ihnen die Konzentration beider Werte zeigt. Und an dieser Stelle werden die Dinge kniffelig – und das sind genau die Stellen, an denen Ätzte zu falschen Annahmen kommen können. Die Konzentrationen dieser Substanzen in Deinem Blut werden durch mehrere Faktoren beeinflusst, von denen einer die Nierenfunktion ist. Die BUN Konzentration verändert sich mit Deinem Hydrationsstatus (niedrig, wenn Du gut hydriert bist, hoch wenn Du dehydriert bist).

Sie verändert sich auch in Reaktion auf zu viel Protein, das Du zu Dir nimmst und umsetzt. Je mehr Protein Du zu Dir nimmst, desto höher wird Dein BUN Wert ausfallen. Die Kreatinin Werte sind hingegen sehr viel stabiler. Kreatinin wird mit einer relativ konstanten Rate produziert – aufgrund des konstanten Prozesses des Muskelabbaus und Wiederaufbaus mehr oder weniger abhängig davon, über wie viel Muskelmasse Du verfügst.

Somit hat die Konzentration in Deinem Blut eine Menge damit zu tun, über wie viel fettfreie Körpermasse Du verfügst. Nachdem dies gesagt wurde, sollte erwähnt werden, dass es bestimmte Dinge gibt, die Deine Kreatininspiegel erhöhen können. Ernsthafte Infektionen oder andere Stressoren erhöhen den Muskelabbau als Konsequenz von Kortisol und der entzündungsfördernden Hormone, die in Deinem Körper zirkulieren. Aus demselben Grund kann auch eine besonders intensive Trainingseinheit oder ein Wettkamp die Kreatininwerte stark erhöhen. Es gibt einen „normalen Bereich“ für jeden dieser Werte. Und Menschen, bei denen sich die BUN und Cr Blutspiegel außerhalb dieser Bereiche befinden, leiden häufig unter Nierenproblemen. Auf der anderen Seite gibt es eine Menge Kraftsportler, bei denen diese Bluttests auch abnormale Werte aufweisen, die sie und ihre Ärzte in Panik versetzen können.

Aber diese „normalen“ Bereiche basieren auf der Annahme, dass Du auch „normal“ bist, wenn es um all die Faktoren geht, über die ich zuvor gesprochen habe. Eine höhere Proteinzufuhr bedeutet einen höheren BUN Blutwert. Eine höhere fettfreie Körpermasse bedeutet einen höheren Kreatininwert im Blut. Stärkere körperliche Stressoren (und ein hieraus resultierender erhöhter Kreatinumsatz) bedeuten höhere Kreatininwerte. Glaubst Du, dass einer dieser Faktoren auf Kraftsportler zutreffen könnte? Verdammt richtig, sie treffen zu.

Die Ergebnisse Deines Bluttests kommen also zurück und Deine Nierenwerte weisen auf mögliche Probleme hin. Dein Arzt wird Dich in Panik anrufen und Dir sagen, dass Du Deine Nieren mit all dem Protein und Kreatin zerstört hast und dass Du sofort damit aufhören musst. Was machst Du in einer solchen Situation?

Nun, Dein Arzt hat sich einfach nur selbst überfordert. Er hat in Wirklichkeit keine Ahnung, wie es Deinen Nieren geht und Du weißt es auch nicht. Aber das ist kein Problem, denn wir Ärzte verfügen über die Werkzeuge, mit deren Hilfe wir direkt berechnen können, wie gut Deine Nieren funktionieren – wir verwenden sie nur nicht besonders häufig. Es bedarf einer Urinprobe. Eine verdammte Urinprobe. Der einzige Weg herauszufinden, ob Deine Nieren Abfallprodukte gut genug filtern besteht darin zu schauen, wie viele sie hiervon ausscheiden. Klingt nach gesundem Menschenverstand, nicht wahr?

Was ich tun würde, wäre nach einer Kreatinin-Clearence Messung zu fragen. Du wirst hierfür ein paar Tage lang auf Dein Training verzichten müssen, was Dein Kreatin auf den Basislevel des einfachen Muskelumsatzes reduzieren wird, aber ich würde nicht damit aufhören Protein und Kreatin zu mir zu nehmen.

Nachdem Du Deinem Körper genügend Zeit gegeben hast, jegliche mögliche stressbedingte Erhöhung der Kreatininproduktion zu beseitigen, kommst Du für einen weiteren Bluttest und eine weitere Urinprobe zurück. Das Labor wird Deine Kreatinin Blutkonzentration mit der Kreatininmenge in Deinem Urin vergleichen. Dies wird Deinem Arzt genau sagen, wie gut Deine Nieren Abfallprodukte ausscheiden und es ihm erlauben all die Wege zu untersuchen, auf denen Du „abnormalen“ bist. Wie ich gesagt habe könnte sich herausstellen, dass sich Deine Nieren wirklich in einem schlechten Zustand befinden, aber wahrscheinlicher ist, dass es lediglich die Tatsache ist, dass Du mehr Protein zu Dir nimmst und über mehr Muskelmasse verfügst, als die meisten anderen.

Fazit

Einstein hat einmal gesagt “Es ist in keinster Weise verschwendete Zeit, wenn wir geübt darin werden aus eigener Erfahrung lange für gültig gehaltene allgemeine Konzepte zu analysieren und die Umstände zu zeigen, von denen ihre Gültigkeit und ihre Nützlichkeit abhängen und wie sie sich entwickelt haben. Hierdurch wird ihre exzessive Autorität gebrochen werden.“ Du wärst nicht hier, wenn Du Deine Gesundheit nicht ernst nehmen würdest. Dies und Deine Liebe zum Eisen machen Dich abnormal, was bedeutet, dass Du manchmal nicht in das Modell passt, das andere Menschen verwenden, um Dich zu beurteilen – egal ob es darum geht, Dich für einen hirnlosen Kraftprotz zu halten oder den Zustand Deiner Gesundheit zu bestimmen. Es ist wichtig die Annahmen zu verstehen, auf denen Ärzte ihre Denkweise basieren. Manchmal machen diese Annahmen überhaupt keinen Sinn (wie dies beim BMI der Fall ist) und zu anderen Zeiten unterscheidest Du Dich einfach nur stark genug von einer „normalen“ Person, dass „normale“ Methoden ganz einfach nicht anwendbar sind.

Referenzen

  1. Romero-Corral A. et al. Accuracy of Body Mass Index in Diagnosing Obesity in the General Adult Population. International Journal of Obesity 2008. 32(6):959-966.
  2. Kennedy AP et al. Comparison of the Classification of Obesity by BMI vs. Dual Energy X-ray Absorptiometry in the Newfoundland Population. Obesity 2009. Apr 9.
  3. Chobanian AV et al. Seventh Report of the JoinT National Committee on Prevention, Detection, Evaluation, and Treatment of High Blood Pressure. Hypertension 2003. 42:1206.
  4. Hulsen HT et al. Spurious systolic hypertension in young adults; prevalence of high brachial systolic blood pressure and low central pressure and its determinants. Journal of Hypertension 2006. 24(6):1027-1032.
  5. Krzesinski JM and Saint-Remy A. Spurious systolic hypertension in youth: what does it really mean in clinical practice? Journal of Hypertension 2006. 24(6):999-1001.

Von Nikhil Rao
Quelle: https://www.t-nation.com/training/what-your-doc-doesnt-know-about-weightlifting

Noch keine Kundenkommentare.

Nur registrierte Kunden können einen Kommentar hinterlassen.